Akwaba à Afrika

Ich habe noch nie solchen Regen gesehen. Hier gibt es keine Jahreszeiten. Man sagte mir, es sei das Ende der Regenzeit, doch der Himmel spricht nicht unsere Sprache. Nach einer Woche Togo wirken die Straßen Abidjans fast europäisch und als wir die Pont Charles de Gaulle überqueren und sich das Plateau mit seinen Wolkenkratzern ins Blickfeld schiebt, wird mir klar, dass ich schon wieder auf meine voreiligen Annahmen hereingefallen bin. Die Côte d’Ivoire ist natürlich so wenig Togo, wie die Schweiz Deutschland ist, man kann sich das jedoch überhaupt nicht vorstellen, wenn man noch nie in Afrika war.

 

Das Hotel ist in Cocody, einem Stadtteil, der so europäisch versucht zu sein, dass es sogar mittelmäßige Chinarestaurants und Pizzaläden gibt. Der große Unterschied ist zudem, dass es wirklich Läden gibt: einen Elektronikladen, kleine Boutiquen, eine Patisserie. Nach über einer Woche in Afrika habe ich mich immer noch nicht daran gewöhnt, ständig bedient zu werden, aber meinen Koffer darf ich natürlich nicht selbst tragen. Klimaanlage, eine kleine Kochnische, hoteleigenes Bistro, Pool keine drei Meter vor der Zimmertür, Plasmafernseher und Mikrowelle, für Weiße ganz normal, wir sind ja alle reich.

Mahamadou scheint hier alle Dinge im Griff zu haben und wohnt mit seiner Frau zwei Zimmer weiter. Als ich ihn frage, ob er wüsste, wo man gut etwas essen gehen kann, schlägt er mir das Nuit de Saigon vor, das sei eins der bekanntesten Restaurants hier. Ich frage, ob es nicht irgendwo Foufou, cuisine ivoirienne oder so, hier in der Nähe gäbe. Er lacht und deutet mir mitzukommen. Wir biegen in eine Straße ein und ich merke bald, dass der Stadtteil nur an der Rue des Jardins wie Kleinparis aussieht, alles Fassade hinter hohen Mauern. Hier gibt es wieder Holzbuden, Maiskolben und Kochbananen auf Grillrosten, herumhuschende Hühner und Sandstraßen, ein wenig wie Lomé und doch ganz anders. Aus den kleinen Straßenbars, den Maquis, kommt Reggeamusik, überall unterhalten sich Menschen.

 

Mir wird schnell klar, dass Foufou gar nicht ivorisch ist. Hier ist das Pendant einer Lieblingsbeilage eine Art Couscous aus Kassava, der Maniokwurzel. Was gleich bleibt ist das Alloco, Piment und das Unverständnis für Vegetarismus. Tiere sind Feinde sagt man mir.

Der irrsinnige Verkehr auf den Straßen, die Hupkaskaden der Autos und das Goethe-Grün des Instituts bleiben auch gleich. Es ist erstaunlich, wie schnell man sich daran gewöhnt, dass die Anschnallgurte nur Deko sind. Im Institut treffen wir Issa, Daniel und N'zi Kouassi und ich frage mich, warum man mir in Togo sagte, niemand will Deutsch lernen, weil es so schwierig ist. Ich fühle mich schon wieder ertappt.

Zusammen mit Christian fahren wir an die Lagune. Im Stadtteil Blokkos, auf einer schönen Veranda mit Blick auf die vorbeiziehenden schwimmenden Inseln aus allerlei Wasserpflanzen bestellen wir etwas zu essen. Salzwieseninseln und Billionaires Bay im Blick. Mir wird wieder erklärt, dass es nicht möglich wäre, etwas Vegetarisches zu bestellen.

Das ist ein Land der Kontraste. Vor der Tür liegt auf der von Geröll und Schlaglöchern übersäten Straße noch eine von uns überfahrene Yamswurzel mit der uns die fluchende Frau zum Glück nicht erschlagen hat, ich glaube sie ist größer als mein halbes Bein. Auf einem Floß aus einer Tischplatte paddelt ein Junge vorbei zu einer kleinen Boje. Er zieht an einem Faden eine Reuse hoch. Sie ist leer. Mein Essen kommt auf einem Teller.

In Lindas Workshop lerne ich in Zeitlupe zu sprinten und alle ivorischen Poeten kennen. Ich bin jetzt schon nur fünf Heiratsanträge entfernt mich zu fragen, ob es auch eine Steigerung von Polygamie gibt. Ein Löwe und ein weißer Elefant sind als Brautpreis bereits auf jeden Fall ausgehandelt.

 

Serge Alain Agnessan, Zako Olili, Amee Bamba, L’Etudiant, Bee Joe, Coulibaly

Malik, Parfait Koffi Gbizié, Philo, Zakala und Constant Gueye zeigen mir, wie sehr ich schon akklimatisiert bin: Während der Veranstaltung im Pam’s habe ich konstant das Gefühl, es ist zu kalt und beäuge argwöhnisch die Klimaanlage. Meine Stimme mag die Luftfeuchtigkeit hier, aber die zehn besten Slammer der Côte d’Ivoire und Kajeems Musik lassen fast keine Gelegenheit, nichts zu verpassen und an die 38°C „frische Luft“ zu gehen.

 

„Madame blanche, si’il vous plait…“ ist wohl der häufigst gefallene Satz in Adjamé, einem der großen Marktquatiers hier. Der andere heißt Treichville (auch liebevoll Trashville genannt), wir besuchen heute beide. Linda könnte mittlerweile mit all dem Stoff, den sie gekauft hat, ein ganzes école mit buntfarbiggemusterten Schuluniformen ausstatten. Mir wird schwindelig von all den mir angebotenen Männerhosen, Kinderspielzeugen und rosafarbenen Leggings, die ich kaufen soll. Müde und an ein Awalespiel geklammert verlasse ich den Markt, wahrscheinlich habe ich auch dafür viel zu viel gezahlt.

Ich habe noch nie solchen Regen gesehen. Man sagt mir, es ist das Ende der Regenzeit, aber der Stromausfall nach dem Gewitter spricht nicht meine Sprache. Yako, sagt man hier in solchen Situationen in Nouchi. Eine Kerze brennt zitternd zur langsam zerrinnenden Kaltluft der nicht-intakten Klimaanlage. Die Bedeutung von MarkundBein-durchdringend kannte ich bis jetzt nicht wirklich, stelle ich fest.  

 

Margouillats, kleine Eidechsendrachen, machen Liegestütz zum immerwährenden Hupen der Autos auf den Straßen. Abends gebe ich am Pool Schwimmunterricht, Brustschwimmen wird hier der neue Trend habe ich das Gefühl.

Kein Workshop in Deutschland könnte so etwas nachbilden. Sechszehn neugierige Poeten, die sich ständig Notizen machen, von allem, was auf meinen Lippen steht. Kein Ich-weiß-nicht-was-ich-schreiben-soll-Vorwand, kein Muss-das-jetzt-ein-Gedicht-werden?-Einwurf, kein verschämtes Sich-nicht-trauen. Gesprochene Sprache ist hier Panpanly Oridjidji, das originale Wort, mit echten Geschichten, von Menschen, die etwas auszusetzen haben, an dieser Welt, wie sie jetzt ist.

Ich glaube ich lerne mehr als alle anderen hier, nur über eine ganz andere Geschichte. Und einen Moment, nach zwei Tagen Workshop und einem gefühlten Augenzwinkern Afrika, während am Ende alle Teilnehmer auf der Bühne stehen, bin ich mir um des Sterbens Willen sicher, dass Slam hier niemals mehr verloren geht.

Ich habe noch nie solchen Regenwald gesehen. Mitten im Kern der Stadt gibt es den Parc du Banco, Mangroven auf gut 3000 Hektar. Attécoubé ist ein eigener Stadtteil aus Dschungel.

Neugierig schauen die Schüler ins Büro des Direktors, der mich gerade an seiner Schule in Yopougon empfangen hat. Ein Deutschlehrer aus dem Workshop hat mich mitgenommen. Yopougon ist das größte Wohngebiet Abidjans. Ich kann verstehen, warum es an der Côte d’Ivoire mittlerweile ein Projekt gibt, das sich Louer un Allemand nennt. Wir gehen nicht nur in die Deutschklassen und viele Schnappschussbilder und Schulen später, bin ich mir sicher, noch lieber hätten die Mädchen meine Haare angefasst.

Der Halbmond ist hier nicht vertikal. Als ich gerade verstanden habe, wie alles hier läuft, sagt mein Flugticket, dass ich wieder weg muss. Mittlerweile kann ich auf ivorische Art ein Taxi rufen (was ein wenig wie ein Luftkuss klingt), den Sandstraßenglaubwürdigkeitshandschlag, habe den Nichtalterungsschutz der Palmenluft als Patina auf der Haut,  kann genug Nouchi, um einen Witz zu machen und verstehe die geheime Morsezeichensprache der hupenden Autos.

 

 

Meine letzte Kokosnuss auf der Straße, weil es kein Wechselgeld gibt, kommen noch vierzig Orangen dazu. Alle Poeten besuchen mich noch einmal im Hotel, es gibt Curry, Alloko, Avokadomus und Schwimmunterricht im Pool. Alle finden es seltsam, dass kein Fleisch, sondern Ananas im Curry ist, isst man hier nicht so.

 

Auf dem Weg zum Flughafen, hängt daumendick der Geruch der Kakaofrachter und Kaffeetransporter in der Luft. Hier trinkt man nur Nescafé und Schokolade wird aus Frankreich reimportiert. Durch die offenen Fenster strömen die Sandstraßen in das Auto. Es riecht, als könnte man Okker verbrennen und die Lichter der Lagune und der meandernden Staubstraßen quetschen sich in ein Polaroidbild in meinem Kopf, das alles versucht darzustellen, doch scheitert den richtigen Schärfegrad einzustellen.

 

Am Flughafen bleiben mir dann nur wenige Momente. Ein kurzer Moment, in dem die letzten Wochen vor mir stehen und ein Handtuch. Neben schwerem Fieber wird das auch alles sein, was ich mitnehme: PANPANLY ORIDJIDJI! Je suis fan, je suis enjaille, ya pas drap mais je djô.

« Je me nomme Coulibaly Malik Semignan, je suis un des finalistes du spoken word à Abidjan.A ma participation à l'atelier de formation sur le slam de Theresa Hahl j'ai appris beaucoup à  travers des jeux intelligents. Elle essaya de nous inculquer sa connaissance du slam sans se lasser. Tout d'abord par un jeux de communication entre groupes de 2 personnes nous avons devellopés l'esprit de controverse. Ensuite elle nous a fait ecrire un poeme en évitant d'utiliser les mots auquels le theme nous faisait pensée, comme si on allait à la renverse, pour nous montrer que nous pouvions produire un resultat excellent en allant à contre-sens de nos pensées. Elle nous demanda même de faire le pire texte possible qu'on ne peut produire sur scène,en essayant de le faire, nous avons appris à plaire en ayant l'intention de ne point plaire, ce qui prouve que l'on peut être productif même les jour de peines. Tout slameur traque la scène ,mais sur scène parfois le tract assène,elle nous a redonnée confiance en nous par un jeu d'insistance sur l'intonation. Au sortir de cet échange au-délà  du savoir sur le slam et ses notions, j'ai aimé l'esprit de partage entre nations. Au fait comme elle aime à le dire nous devons rester connectés, car si toutes les intelligences du monde se connectaient nous pourrions produire un monde merveilleux où le bonheur serait toujours collecté.Bien de choses  a tous les slameurs de l'Allemagne, qu'ALLAH nous benisse tous, en travaillant ensemble c'est toute l'humanite qui gagne . Danke schön. » - Coulibaly Malik

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Kommentare: 16
  • #1

    Coulibaly Malik (Dienstag, 24 Dezember 2013 09:31)

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  • #2

    Daniel Diecket (Dienstag, 07 Januar 2014 08:49)

    Schöner Bericht liebe Theresa! Ich lerne da viel über uns selbst... Es war eine tolle Zeit, die wir und alle Poeten zusammen mit Dir verbracht haben... Alles Gute zum neuen Jahr 2014. Liebe Grüße aus Abidjan!
    Daniel

  • #3

    N'zi Dieu-Donné (Dienstag, 07 Januar 2014 15:27)

    Das - ist- ein- fach su-pi du-pi rüh-rend!
    Herzliche Grüße aus Abidjan
    Dieu-Donné

  • #4

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  • #6

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  • #7

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  • #8

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  • #10

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  • #11

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  • #13

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  • #15

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  • #16

    Arleen Calnan (Donnerstag, 09 Februar 2017 13:03)


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Termine:

2017

 

05.01. Dresden, scheune

06.01.Leipzig, distillery

07.01. Halle, Goldene Rose

11.01. Lüneburg, Salon Hansen

15.01. Unendlich viele Affen, Riff, Bochum

25.-29.01. Workshop- und Slamprojekt mit dem Goethe- Institut in Lyon und Marseille

02.02. Kiel, Pumpe

12.02. Unendlich viele Affen, Riff, Bochum

25.02. Thun, mokka

10.03. lit cologne, Köln

15.03. Das kleine Kabinett der Poesie, Hamburg (Solo)

19.03. Unendlich viele Affen, Riff, Bochum

24.03. Mindelheim, Stadttheater

25.03. Ulm, Roxy

02.04. Bielefeld, Stadttheater

05.04. Hamburg vs. Ruhrpott, FZW Dortmund

06.04 Slam Duisburg

08.04. Nürnberg, parks

09.04. Erlangen, E-Werk

12.04. Salzburg

13.04. Hamburg vs. München, Lustspielhaus München

14.04. Zell am See, Schiff

16.04. Unendlich viele Affen, Riff, Bochum

23.04. Düsseldorf, zakk

25.04. Bielefeld, Poetry All Stars

29.04. Bremen, Tower

01.05. Gera

02.05. Erfurt

05.05. Spree vom Weizen, Berlin

06.05. Wien

09.05. Hamburg, Song Slam Feature

12.05. Köln, Reimreise

21.05. Unendlich viele Affen, Riff, Bochum

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

die ganze chronik hier